Demütigung im BDSM - eine Interpretation
Dezember 13th, 2009 Clu MariaNeben der “Lust am Schmerz” ist es vielfach die Demütigung, die in den submissiven Fantasien eine große Rolle spielt. Auch hier waltet das bekannte SM-Paradox: Man will, was man “eigentlich” NICHT will - und gerade das erregt.
Ich interpretiere diesen Aspekt der Neigung mittlerweile als das Verlangen eines unvollständigen Selbstwertgefühls nach Bewährung, Bestätigung, Sieg.
Das heißt gerade nicht, dass man von dieser “Unvollständigkeit” bewusst etwas wissen muss, denn auch sehr erfolgreiche und von vielen geschätzte Personen können so einen “Knacks” haben, der meist aus lang vergangenen Zeiten stammt: wie eine alte Narbe am Gemüt, die eben noch juckt, weil sie heilen will.
Und in der Praxis heilt diese Narbe dann auch, denn in der Regel erlebt Sub, dass die jeweiligen Situationen doch “bestanden” werden. Die in den Momenten der Demütigung erlebte Intensität, die teife Berührung, das irgendwie “Grandiose” am “ganz unten sein” ist im Grunde die Euphorie der Erkenntnis, dass einen das nicht etwa umbringt. Im Gegenteil, das Erlebnis kann sogar Stolz zur Folge haben, der darin wurzelt, “sowas” eben doch durchleben zu können - und NICHT daran zu verzweifeln.
Sub erkennt die letztliche Herrschaft des eigenen Geistes über alle äußeren Situationen - und sogar über die eigenen “automatenhaften” Gefühle der Ego-Verletzung. Und damit hat es sich dann auch oft in Sachen Demütigung!
Ob man sich gedemütigt fühlt, hängt eben letztlich nicht von den Aktionen und Meinungen Anderer ab, sondern von der eigenen Interpretation des Geschehens und vom eigenen Selbstwertgefühl. In SM-Beziehungen kommt üblicherweise das Wissen um die real vorhandene Wertschätzung des Partners hinzu, die ja nicht einfach mal eben so zu vergessen ist. Aus diesem Grund meinen viele, Demütigungen nur in distanzierten “Spielbeziehungen” erleben zu können - doch auch das ist in der Realität dann eine sehr begrenzte Erfahrung: Wie könnte mich jemand wirklich demütigen, der mir im Grunde nichts bedeutet?
Körperreaktionen, die nicht willentlich steuerbar sind, sind z.B. für mich nichts Demütigendes, da ich gar nicht davon ausgehe, dass ich sie steuern könnte (= eigener Denkrahmen). Reitet Top darauf herum, ist der spielerische Charakter der Szene überdeutlich: er ist ja auch kein Idiot, und ich weiß, dass er weiß…
Ein “Spiel mit Schwächen” (z.B. paar Kilo zuviel oder zu wenig) ist auch nur demütigend, wenn Sub selber deshalb ein Schuldbewusstsein bzw. einen Knacks im Selbstwertgefühl hat. In der Regel hat man sich allerdings gegenseitig genau SO gewählt, wie man ist. Warum sollte ich also auf einmal glauben, dass solche Mängel jetzt sehr bedeutend sind, wenn Top anfängt, darauf herum zu reiten? (Und: Top ist ja in der Regel auch nicht der Mister 150%-perfekt).
Inneres Wachstum
Auch außerhalb BDSM wird mit Demütigung als “Methode” für das innere Wachstum der Persönlichkeitgearbeitet. Zum Beispiel erzählte mal eine spirituelle Lehrerin (bei der ich einst eine Massage-Ausbildung machte) von ihrer Zeit in einer amerikanischen Gurdjeff-Schule. Da hatte ihr jemand heimlich einen Wertgegenstand unter die Matratze gelegt, der angeblich aus dem Sekretariat geklaut worden war. Vor versammelter Schülerschaft wurde sie dann durch eine “Finderin” ENTLARVT - stand mit hochrotem Kopf vor all den Leuten, die nun alle dachten, sie sei die Diebin. Sie sagte nichts, atmete…., verließ den Raum, ging in ihr Zimmer und meditierte: betrachtete die aufgerührten Gefühle, sah zu, wie sich alles wieder beruhigte…. und nach einer halben Stunde kam die Leiterin, machte mit den Fingern das Victory-Zeichen und meinte nur “Good girl!”
Es war eine Inszenierung gewesen, um sie dieses Gefühl erleben und (hoffentlich!) im Sinne der Schule positiv bewältigen zu lassen.





14. Dezember 2009 um 00:22
Ein wirklich sehr gelungener Text der mir eine der wenigen offenen Fragen, welche sich mit den Jahren ergeben haben, beantworten konnte.
14. Dezember 2009 um 03:24
Hi Gentledom,
das macht mich glücklich! Wenn auch nur EINER diese meine “normalisierten” Erkenntnisse schätzen kann, ist es die Sache wert.
Mir kommt es im Moment eher ein wenig “eitel” vor, meine am Ende recht nüchternen Einsichten über BDSM hier zu posten. Als “SM-Blog” werde ich hier mehrheitlich von faszinierten Einsteigern und engagierten Experiementierern in ihren jeweils ersten Jahren des Auslebens “besucht”. Solange ich mich selbst in dieser Phase befand, war da eine gefühlte Kongruenz zwischen mir und der potenziellen/virtuellen Leserschaft - jetzt gibts die so nicht mehr. Sondern eher die Erwartung, dass meine aktuellen Blickwinkel jenseits von Romantik und Geilheit niemanden interessieren, je eher stören.
Insofern ist mein Schreiben hier im Moment experimentell - und jeder Kommentar, der dazu etwas sagt, ist hoch willkommen!
14. Dezember 2009 um 18:28
Ich lese Deine Beiträge gerade gerne, weil sie nicht auf die Erwartung an ‘Romantik und Geilheit’ Rücksicht nehmen. Sie spiegeln Deine Erfahrung und die Reflexion über BDSM. Es wäre schön, wenn es mehr solche Blogs gebe, die nicht einfach noch härtere Phantasien bedienen.
Die Beschriebene Ambivalenz des ‘Sub’-seins finde ich manchmal schwierig - vielleicht das, was Du mit ‘Ernüchterung’ beschreibst… ?
Liebe Grüße!
16. Dezember 2009 um 23:55
@nachtSonnen: nein, Ernüchterung ist, wenn es keine Ambivalenz mehr gibt - sondern eher ein Kopfschütteln im Rückblick, wie schräg man doch drauf sein kann.. :-)
Solange es “schwierig” ist, ist man noch voll drin.. und die Auseinandersetzung mit der Ambivalenz ist ja dann auch sehr faszinierend, lustvoll und lehrreich.
31. Dezember 2009 um 08:30
hallo clu!
vielen dank für deinen mut zu nüchternen einsichten, sie interessieren und wie! vor allem solche wie mich, die schon immer “tiefer gegraben” haben - auch wenn s unbequemes an den tag fördert
auch für viele einsteiger in die welt des bdsm sind realistische überlegungen durchaus wertvoll - vor allem weil sie die eigenen gedankengänge bestätigen können und dadurch vom druck des klischee sm entlasten
in diesem sinne wünsche ich dir alles erdenklich gute im neuen jahr und die muse zu weiteren artikeln
frau
2. Januar 2010 um 07:13
Die aus der “Normalisierung” resultierende Nüchternheit ist ja ein Ergebnis Deiner genauen Analyse und Verallgemeinerung. Ich erhoffe mir Hilfe beim Verständlichmachen der Neigung und den damit verbundenen Gefühlen und Gedanken. Ich denke, Deine Worte können meiner interessierten, aber gefühlsmäßig fern stehenden (eher Vanilla) Partnerin helfen, zu verstehen, was einen Maso bewegt. Die dafür am stärksten hilfreichen Texte sehe ich – neben diesem - in „Begegnung mit der Peitsche“ und „Schattenseiten der Psyche“. Mir selbst helfen sie auch, in dem ich mich besser verstehe. Ich freue mich auf weitere Texte von Dir.
12. Januar 2010 um 15:03
Die Ernüchterung kommt ganz gewiss nicht aus der Analyse, die dem Erleben ja erst folgt. Die ist vielmehr eine Folge des Abbaus der ursprünglichen Motive im Lauf der Praxis. Aber dazu gern gelegentlich ein extra Artikel!
Ich danke Euch allen nochmal für die Ermunterungen! :-)
9. Februar 2010 um 10:29
Liebe Clu, ich habe dein Blog gestern erst entdeckt und bin vollends darin versunken. Die Erfahrungen und Gefühle, die du hier in einer unglaublich schönen und eindringlichen Sprache beschreibst, berühren mich bis ins Mark - und sie wecken eine schier unbändige Sehnsucht danach, so etwas auch einmal zu erleben. Ich selbst habe vor vier Jahren begonnen, meine seit Jahrzehnten schwelende Neigung vorsichtig und behutsam auszuleben. Der Mann an meiner Seite hat selbst auch keinerlei Vorerfahrungen in diesem Bereich und so tasten wir uns gemeinsam vor, wobei unsere Entdeckungsreise stets den Gezeiten unterworfen bleibt. Manchmal haben wir monatelang nur zärtlichsten Blümchensex und dann wieder taucht sie plötzlich machtvoll auf, die Sehnsucht nach den dunkleren Gestaden der Lust. Gerade in den letzten Wochen spüre ich, dass da bei mir etwas aufbricht und ich gerne tiefer eintauchen würde. Ich empfinde deine Beiträge keineswegs als ernüchternd, sondern vielmehr als ermutigend. Danke dafür!
10. Februar 2010 um 23:52
Ich lese Deine Beiträge auch gerne; habe einige spirituelle Erfahrungen (finde übrigens toll, dass Du den Namen Gurdjeff kennst!). Mir wäre interessant gerade BDSM zu verstehen, deswegen sind Deine Reflexionen für mich richtig und wertvoll. Danke!
15. Februar 2010 um 00:11
Ich freue mich, dass es Menschen gibt, die mit diesen Texten was anfangen können. Grad bin ich schreibmäßig ein wenig im Winterschlaf und zwinge will ich mich da zu nix…
Wenn aber jemand mal ein Thema vorschlagen will: nur zu! :-)