BDSM – Vom Spiel mit den Schattenseiten der Psyche

“Es war heftig”, sagte er und wirkte dabei ein wenig bedrückt. Ich wollte es jetzt genauer wissen: Was hatte ihm missfallen an der Session, die er gesehen hatte? “Das Spielerische und Liebevolle kam irgendwie gar nicht rüber!”. Mein Gegenüber, kein BDSMer, hatte die Berliner Xplore besucht, das dreitägige Spektakel zur “Kunst der Lust”, und war zum ersten Mal Zeuge einiger SM- und Bondage-Performances geworden, bei denen es offenbar richtig zur Sache ging: kein zärtlich-sanftes miteinander umgehen, kein “Rollenspiel” mit spürbar doppeltem Boden, kein Lächeln mehr in den Gesichtern, sondern echter Schmerz, echtes Leiden und die Lust an der Macht, es zuzufügen. Es hatte ihn berührt, ja verstört. SO hatte er sich die “sinnliche Magie” nicht vorgestellt, da nutzte es auch nichts, dass die Freiwilligkeit aller Inszenierungen im öffentlichen Raum der Veranstaltung außer Frage stand.

Mit dieser inneren Ablehnung der “härteren Gangart” steht er nicht alleine. Selbst unter Menschen, die sich als BDSMer verstehen, gibt es nicht wenige, die nur eine “weichgespülte” Version dessen praktizieren und akzeptieren, was als “SM” in den letzten Jahren erotische Mode geworden ist: Wer bei passender Gelegenheit nicht ein paar weiche Baumwollseile zur Hand hat und mit dem Wildlederflogger einen hingebungsvoll hingestreckten Hintern sanft stimulieren kann, ist ja geradezu hinterm Mond! Das Wort “Sadomasochismus” steht im Verständnis wohlgesonnener kreativen Erotiker für “Lustschmerz” – und alles, was nicht nach Lust aussieht, wirkt ausgesprochen verstörend, erscheint dann doch als irgendwie “krank”.

Das ANDERE ist nicht dasselbe!

Es gibt vielfältige Formen der Praxis im weiten Feld des BDSM und ganz gewiss keinen “Standard”, an dem sich irgend jemand auszurichten hätte, um “dazu zu gehören”. Darum soll es hier auch gar nicht gehen, sondern um den “heißen Kern der Neigung”, der viele umtreibt, für die SM kein bloßes Sammelsurium kreativer Techniken zur Steigerung sexueller Lust ist, sondern ein tiefes Bedürfnis der Psyche, sich mit dem üblicherweise Vermiedenen und Abgelehnten zu konfrontieren: Schmerz, der wirklich Schmerz ist, Machtlosigkeit, die möglichst “echt” gespürt werden will, Lust an der Macht und am Ausleben sadistisch-aggressiver Impulse. Nach “so etwas” zu verlangen, es dann auch im Leben zu inszenieren, erfordert eine großformatigere (und oft von Scham und Schuld geprägte) Phase innerer Auseinandersetzung als wenn man nur mal “spielerisch” ein bisschen mit Fesseln und Peitsche hantiert, um auszuprobieren, was daran wohl kickt.

Das “Andere” an der dunklen Lust vermittelt sich denjenigen, die sie nicht selber fühlen, denn auch als ziemlich schreckliches, liebloses und gewalttätiges Tun und Erleiden, drastisch und schockierend zugleich. Da sie aus eigenem Erleben nur die spezifisch sexuelle Lust kennen, stellen sie sich die sadomasochistische “Lust am Schmerz” als ebensolche vor und können es dann nicht fassen, wenn sie sehen, dass ein Passiver wirklich außer sich gerät vor Schmerz, dass hier tatsächlich gelitten wird und dass der Aktive nicht etwa zärtlich tröstet, sondern noch eins drauf setzt und sich an den Leiden des Unterworfenen schamlos ergötzt. Psychischer Schmerz, Demütigungen verschiedenster Art, die dem Passiven einiges an Selbstüberwindung abverlangen, bleiben schon gleich ganz außerhalb des Reichs des Verstehbaren – ein Grund, warum in vielen sogenannten “SM-Pornos”, die für die Allgemeinheit konsumierbar bleiben müssen, die “Opfer” stets lächeln, niemals leiden und durch fortwährend geiles Stöhnen den harmlosen Charakter des Geschehens deutlich machen (müssen).

BDSM ist allerdings nicht immer harm-los, sprich: von Leiden frei – im Gegenteil!

Brisantes Spiel an der Grenze

Für das, was BDSM-Praktizierende miteinander anstellen, hat sich mangels einer sinnvollen Alternative der Begriff “spielen” eingebürgert, gerade WEIL Sex eben nicht immer dazu gehört bzw. nicht im Vordergrund des Erlebens steht. Da es aber oft (und gewollt!) alles andere als “spielerisch leicht” ist, was da passiert, bekommen viele Bauchgrimmen, wenn vom “Spielen” gesprochen wird: dem Wort fehlt die Tiefe, die Intensität, das Grenzwertige und Herausfordernde vermittelt sich darin nicht. Ich sage dazu immer: Auch in Rom gab es “Brot und Spiele” und für diejenigen in der Arena war es keinesfalls “spielerisch leicht”, was da auf sie zukam.

Gibt es eine Möglichkeit, denen, die die Neigung nicht teilen, verständlich zu machen, um was es hier geht? Lässt sich vermitteln, dass der bloße Blick von außen zwangsläufig täuscht? Ja, in einer “kontroversen” (gleichwohl konsensuellen!) Session gibt es echten Schmerz, echtes Leid und echte Lust daran, dieses zuzufügen – aber LIEBLOS ist das dennoch nicht! Die “Spielenden” erlauben einander, in die dunklen Seiten ihrer Psyche einzusteigen und diese auszuleben. Sie geben sich ihrem So-Sein hin und zeigen sich in all ihrer Abgründigkeit, ohne Furcht, vom Partner deshalb abgelehnt zu werden, sondern in liebevollem Vertrauen darauf, dass alles sein darf, was ist, ohne dass es das “danach” irgendwie negativ beeinflusst.

Auf dem Weg Richtung Katharsis

Als Sub lasse ich mich von Top immer mal wieder an die Grenze des mir Erträglichen führen, weil ich mich dort erleben und erfahren will. Er muss den Mut und das Vertrauen aufbringen, meinen dunkelsten Gefühlen (Trotz, Stolz, Wut, Hass, Widerstand, Trauer, Verzweiflung, Selbstmitleid, heulendes Elend) zu begegnen und sich von ihnen nicht abschrecken und ausbremsen zu lassen: ein vorzeitiges Ende der “Quälereien” ist nicht das, was ich dann brauche, denn das lässt mich ohne Erlösung auf all den aufgeputschten heftigen Gefühlen sitzen, von denen ich dann erst langsam wieder herunter kommen muss. Er muss genügend Intuition haben, zu wissen, wie intensiv und wie lange das Geschehen noch eskalieren muss, damit ich die Katharsis erreiche, die das Ziel dieser Art Session ist: Ende des Kämpfens, Ende allen Widerstands, totales Loslassen in vollkommener Hingabe an alles, was geschieht, fließende Tränen, manchmal heftiges Weinen – und damit verbunden das Umschlagen der eben noch üblen Gefühle in ein ekstatisches Dasein in reiner Resonanz, ein Öffnen sämtlicher Schleusen, zerbröckeln aller inneren Mauern und dieses heiße, jetzt aus dem Herzen strömende Fließen, das sich der Beschreibung mit Worten weitgehend entzieht. (Leider bin ich keine Dichterin!) Dann fühle ich große Dankbarkeit und Liebe für den, der mir dieses Erleben ermöglicht hat, und der mich nun auch fürsorglich aus jeglicher gestressten Lage befreit und mein “herunter kommen” vom Gipfel der dunklen Lust zärtlich begleitet.

Kathartische Sessions in Reinform sind nicht jedes BDSMers bevorzugte Praxis und auch bei denen, die auf solches “Grenzen berühren und Gipfel stürmen” stehen, ist es nichts, was man jede Woche zelebrieren könnte oder wollte. Öffentlich bekommt man eher selten etwas davon zu sehen, denn ein solches völliges Aus-sich-heraus-treten erleben die meisten lieber im geschützen Raum privater Zweisamkeit. Und doch ist es etwas, das für mich den Kern der Neigung ausmacht, wenn auch oft “Mischformen” praktiziert werden: etwa mittels langen “Mitziehens” der sexuellen Lust durch Abwechslung schmerzlicher und lustvoller Stimulation (Sex-SM), oder durch das Kombinieren mit Techniken des “masochistische Fliegens”, wobei Sub in einen gehörigen Endorphin-Rausch versetzt wird, der auch ohne jegliche psychisch-kontroverse Interaktion zwischen Top und Sub genossen werden kann.

Diese eigenständig praktizierbaren Session-Stile sind für die Allgemeinheit eher tolerierbar und rufen nicht die krasse Ablehnung hervor, die “kathartischer DS/SM” verständlicherweise von Seiten derjenigen erfährt, die das “dunkle Sehnen nach dem (fast) Unerträglichen” nicht kennen. Vielleicht hilft aber der Hinweis, dass das Verlangen, um das es hier geht, auch im Reich des sogenannten “Normalen” sehr wohl existiert und auch Ausdruck findet: im Extremsport wird oft mehr gelitten als in harten SM-Sessions. Das Leben eines Freeclimbers in der Steilwand hängt an seinen Fuß- und Fingerspitzen, er muss (und will!) seine Angst und jeglichen Schmerz ignorieren und befindet sich in einer Lage, die weit gefährlicher ist als alles, was sich BDSMer in ihren heftigsten “Spielen” zumuten. Viele Extremsportarten benötigen ein gehöriges Quantum an Masochismus, um überhaupt praktiziert werden zu können – und wer sich mit dem “als ob” begnügt, schaut auf der sicheren Wohnzimmercouch schon mal Horror- und Action-Filme, um sich dem wohligem Gruseln im Angesicht des Schrecklichen hinzugeben.

Die spirituelle Dimension

Viele von uns suchen immer wieder intensiv berührende Grenzerfahrungen. Es handelt sich dabei um ein grundmenschliches spirituelles Bedürfnis: dem Drachen begegnen, sich selbst im Unbekannten, in der Konfrontation mit dem Gefürchteten (und gleichzeitig ersehnten!) erfahren; das “Ich”, für dessen Bestand und gute Performance wir soviel tun, dass es uns letztlich zum Gefängnis wird, für Momente transzendieren und eingehen in einen Zustand vollständiger Losgelößtheit. Es gibt viele Wege nach ShangriLa und die psychischen und physischen “Engführungen” im Reich des BDSM sind für viele weit besser zugänglich als explizit spirituell definierte Praktiken.

Wir haben uns die Neigung nicht gesucht, sie ist uns zugestoßen, zugewachsen, manche meinen gar “angeboren” (womit sie m.E. falsch liegen). Sie fordert uns heraus, uns mit all ihren Aspekten zu befassen, sie nicht zu negieren, sondern kreativ zu integrieren. Dabei können wir einerseits zu ihren Wurzeln in der persönlichen Geschichte vorstoßen, andrerseits eine Menge über das Funktionieren der psychophysischen “Maschinerie” lernen, mit der wir normalerweise so identifiziert sind, dass wir sie für “uns selbst” halten. Wenn wir unser übliches Alltagsverhalten, nämlich das Leiden zu meiden und Freude zu suchen, im Ausleben der Neigung auf der Sub-Seite eines SM-Szenarios ins Gegenteil verkehren, machen wir erstaunliche Erfahrungen! Auf einmal wird es möglich, zu erkennen: nicht das Geschehen selbst, sondern der Widerstand dagegen ist es, der den Großteil des gefühlten Leids ausmacht.

Dies ist ein Erkennen mit heilsamen Folgen für das gesamte persönliche Leben. Eckhart Tolle, ein spiritueller Lehrer unserer Zeit, beschreibt es (natürlich AUSSERHALB jeglichen erotisch-bdsmigen Zusammenhangs!) so:

“In Situationen, die scheinbar aussichtslos sind, wie zum Beispiel eine schwere körperliche Behinderung, Krankheit oder ein tiefgreifender Verlust, verstärkt sich zunächst der normale Widerstand gegen den gegenwärtigen Moment – und somit das Leid – um ein Vielfaches. Das Jetzt wird fast unerträglich. Es innerlich zuzulassen, das “so-sein” des Jetzt zu akzeptieren, scheint unmöglich und sinnlos. Doch dann, wenn der Mensch die Last des “leidenden Selbst” nicht mehr tragen kann, kann es geschehen, dass plötzlich innerlich etwas kippt. Das tief verwurzelte Nein zum gegenwärtigen Moment löst sich auf, und damit auch das leidende Selbst. Und wenn das Jetzt zugelassen wird so wie es ist, dann öffnet sich die Tür zu einem tiefen, inneren Frieden und einer Intelligenz, die jenseits des Denkens liegt. In diesem Bewusstseins-Shift wird das falsche Selbst, das aus Gedankenformen besteht, als Illusion – eine Art Traumbild – erkannt.”

So manche/r Sub wird das aus eigener Erfahrung kennen – und das wundert auch nicht: Unterwerfung unter einen fremden Willen, schmerzliche physische Praktiken, Demütigungen zum Abbau des persönlichen Stolzes gehörten zu vielen spirituellen Wegen der Menschheitsgeschichte. Wer die psychischen Altlasten abgebaut und alte Wunden geheilt hat, die einst vielleicht zur Entwicklung der “dunklen Neigungen” führten, wird daher BDSM meist nicht aufgeben, sondern den Weg weiter gehen. Finden sich auf ihm doch gar wundersame Schätze, die umso mehr erfreuen, da wir sie gar nicht gesucht haben!

9 Kommentare

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  5. Ein wunderbarer Artikel. Bin vor kurzer Zeit erst über meine Leiden-Schaften gestolpert und hadere immer noch (warum bin ich so, was will ich?). Du hast mir ganz neue Einblicke ermöglicht, meinen Horizont erweitert und mir Mut gemacht. Ich danke Dir dafür.

  6. Vielen Dank für diesen eindrucksvollen Artikel! Ich kann mich in so vielen deiner Texte wiedererkennen und bin sehr froh, deine Seite gefunden zu haben! Ich habe bisher wenige Stimmen gelesen, welche auch die unglaubliche Verletzlichkeit der BDSM-Praktizierenden auf so ganzheitliche Weise ansprechen.

  7. La Strasbourgeoise Sonntag, 8. Mai 2016 um 22:18

    Chapeau! Ich ziehe meinen virtuellen Hut!
    Ich liebe die intellektuelle und psychologische Auseinandersetzung mit BDSM und diese ganzheitliche Sichtweise darauf fasst ein diffuses, bisher nicht in Worte gefasstes persönliches Empfinden aus.
    Danke dafür.

  8. Hallo Clu,

    auch dieser Artikel berührt mich sehr!

    Ich schließe mich voll und ganz La Strasbourgeoise an!

    Zusätzlich fasziniert mich deine Sprachmelodie, mit der du für mich Gefühle
    transportierst und für mich das Thema, deine Gedanken und Erfahrungen
    so auf emotionaler Ebene fühlbar machst.
    In meinem Herzen trifft dies auf Resonanz :)
    Herzlichen Dank dafür!

    Liebe Grüße,
    Luna

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