Vom Yoga der dunklen Erotik: Alle Beiträge in diesem Blog handeln von einvernehmlichem SM: physische und psychische Praktiken, die zur beiderseitigen Lust im erotischen Kontext inszeniert und erlebt werden.

Angst vor Switchern?

Februar 18th, 2010 Clu Maria

Immer wieder hört man in der Szene, dass Switcher nicht gemocht, bzw. aus verschiedenen Gründen abgelehnt werden. Zum einen liegt das daran, dass sich viele “Einseitige” ihren Partner einfach nicht in der anderen Rolle VORSTELLEN wollen: zu stark ist das Bedürfnis nach klaren, der EIGENEN aktuellen Neigung entsprechenden Verhältnissen, die man am liebsten auch im Alltag nicht konterkariert sehen möchte, geschweige denn ganz offiziell zur Kenntnis nehmen will.

Ein weiterer Grund der Ablehnung ist auch die Angst, dass ein Switcher-Partner, der in der Partnerschaft nur eine Seite ausleben kann, auf Dauer nicht glücklich sein könne - ein großes Problem für alle Monogamen, die selbst nicht switchen. Es erscheint also sehr vernünftig, Switcher erst gar nicht in Betracht zu ziehen, was u.a. dazu führt, dass viele ihre “anderen Interessen” gar nicht erst zugeben.

Entgegen der “herrschende Meinung” gibt es aus meiner Sicht DEN Switcher bzw. DIE Switcherin, die über ihr Wechselbedürfnis und die Formen, die das annehmen kann, totale Klarheit haben, eher selten. Der Seitenwechsel ist ja häufig etwas, das sich erst im Lauf der Zeit einstellt: Irgendwann ist die Seite, auf der man angefangen hat, ausgiebig durchlebt, und das bedeutet auch, dass der psychische Druck, der Drang danach, die Heftigkeit des Verlangens nach Ausleben z.B. der Sub-Seite nachlässt. Was liegt da näher, als es mal auf der anderen Seite zu versuchen? Erst recht, wenn da eine attraktive Person ist, bei der das grade gut passt?

Erweist sich die Erfahrung als lustvoll, ergibt sich dann eventuell ein Selbstverständnis als Switcher, sofern man nicht gleich ganz die Seiten wechselt (auch das ist ja nicht etwa selten!). Das heißt aber nicht unbedingt, dass das Switchen zwanghaft wird, so nach dem Motto: ich MUSS jetzt endlich wieder einen finden, der meine zweite Seite bedient!

Seit ich mit SMlern Kontakte pflege (ca. Ende der 90ger) stellte sich in intensiven, tief gehenden und ehrlichen Gesprächen immer wieder heraus, dass auch sogenannte “Einseitige” durchaus Interesse und gewisse Sehnsüchte in Richtung der anderen Seite haben (=gefühlte 70%). Sie erleben ja ständig die Lust ihrer Gegenüber - und irgendwann ist da auch Neugier, manchmal sogar Neid. Der Schritt zum Ausprobieren ist dann gar nicht mehr weit.

Sind Switcher in Beziehungen ein Problem?

Ob jemand mehr als einen Partner braucht, um in seinem Neigungsleben glücklich zu sein, ist m.E. eine ganz andere Baustelle, die an sich nichts mit dem Switch-Potenzial einer Person zu tun. Diese “Gefahr” wird den Switchern nur gerne angepappt, weil es so schön einfach ist, dieses “Problem” auf möglichst klar umrissene Personengruppen zu projizieren.

Fakt ist ja, dass auch Hunderttausende Normalerotiker nach einiger Beziehungszeit Lust auf fremde Haut bekommen und das dann auch ausleben, meist heimlich, seltener offen. Ebenso häufig ist unter BDSMlern das Einbeziehen Dritter, viele kickt auch das sogenannte “Verleihen” - und dann gibts da noch die Doms, die sowieso meinen, sie dürften soviele Subs haben wie sie eben mögen. Nicht zu vergessen auch die vielen SMler, die darüber herum rechten, dass sie gerne bestimmte Erfahrungen mal machen wollen, die eben leider mit dem aktuellen Partner nicht möglich sind: sei es, weil dessen Tabus berührt würden, oder auch, weil sich bestimmte Kicks in vertrauter Partnerschaft einfach nicht mehr inszenieren lassen.

“Ich muss switchen” ist da also nur eine Variante bzw. Ausrede unter ganz vielen, die für Monogame problematisch werden können.

Was ich AUCH feststelle: unter den ÄLTEREN gibt es deutlich mehr Menschen, die ihre mittlerweile etwas flexiblere Neigung ganz gelassen zugeben - wogegen Jüngere oft von Ablehnung berichten bzw. selber ablehnen. Jüngere meinen eben noch gerne, die Welt sei klar und eindeutig, die Charaktere und Neigungen stabil - und durch die Wahl von Mrs. oder Mr.Right werde man ganz einfach glücklich und sei dann “auf Ewigkeit” SICHER in diesem Glück. Ich gönne jedem seine “romantische Zeit”, die Irritationen kommen irgendwann ganz von selbst. :-)

Die eigene Neigung lehnt den Switcher ab

Der Hauptgrund spontaner Ablehnung switchender Personen ist jedoch alles in allen nicht rational, auch wenn sie oft genug “wohl begründet” wird. Man mag es nicht, kann und will es nicht glauben - ganz einfach weil man sich selbst in seiner Neigung “endlich angekommen” fühlt. Das zunächst vielleicht abgelehnte, schließlich doch angenommene und endlich endlich lustvoll ins Leben integrierte SO-SEIN (sei es als “Sub” oder “Dom”) erscheint dermaßen WESENTLICH, stabil und unveränderlich, als hätte man das letzte Geheimnis des eigenen Lebens gefunden.

Insbesondere Einsteiger fühlen in den ersten Jahren so. Sie wollen und können sich nicht vorstellen, dass sich an diesem Gefühl noch jemals etwas ändern könnte. Ein Switcher ist da eine lebendige Provokation, die zeigt: es geht doch beides! Und die spontane Reaktion darauf ist dann halt: Nö, niemals! Das ist auch ganz gewiss NICHT ECHT! Vermutlich nur ein “Mode-SMler”, nicht Fisch, nicht Fleisch… usw. usf.

*

7 Antworten zu “Angst vor Switchern?”

  1. frau sagt:

    hallo clu!
    vielen dank für den artikel über s switchen - dem kann ich nur voll zustimmen
    die meisten menschen tun sich schwer mit der tatsache dass leben veränderung bedeutet und von daher ist s sehr angenehm sich auf etwas festzulegen - veränderung bzw. unsicherheit in bezug auf die entwicklung des eigenen ich s bzw. des partners scheint massive verunsicherung auszulösen - was schade ist, weil gerade das das spannende im leben ist - neues zu entdecken und in aller vielfalt zu leben.
    lg
    frau

  2. Lady Jana sagt:

    ja, und was passiert wenn beide Switcher sind und gleichzeitig zu gleicher Seite switchen wollen? *grusel*
    irgendwie sind die Switcher doch suspekt *lol*

  3. peetz sagt:

    Danke für den klugen Text zu switchen. Entspricht auch meiner Erfahrung. Für mich ist das Erleben von BDSM das Zentrale, welche Seite ich einnehme untergeordnet. Seitdem ich auch die dvote auslebe, hat meine Sensibilität auch auf der dominanten Seite gesteigert.
    Beide gleichzeitig switchen: Einfache Antwort: Einer sit immer zuerst. Komplexere Antwort: Wer setzt sich durch, gibt es eine Regel die abgemacht ist, wie zeigen sich die Energien: Das sind doch gerade die spannenden Bereiche, welche Prozesse ergeben sich bei den beiden. Ebenso spannend wie in einer normalen Dom-Sub Beziehung und Sub will gerade nicht: Kann Sub es äussern, kann Dom damit umgehen, fordert es Dom trotzdem, geht Sub den Weg. Bleiben beide ganz ehrlich - das ist unabhängig von Switchen oder nicht.

    Peetz

  4. mmmarie sagt:

    Zu switchen ist eine wunderbare Weise, sich mitzuteilen. Auch eigene Ideen, Fantasien, Wünsche dem/der Partner/in auf “spielerische Weise” mitzuteilen. Aber auch am eigenen Leib zu erfahren, was man da auf der Top-Seite selbst “anrichtet”. (Wie Du mir, so ich Dir :-))
    Für mich ist das Switchen eine große Bereicherung, so wie es nicht nur schwarz und weiß gibt, sondern noch viele, viele Farben. Und wie klänge ein Konzert aus nur 2 oder 3 Tonhöhen und 4 oder 5 Klangfarben?
    Das Leben ist vielfältig, das macht den Reiz und die Spannung aus. Ich will jedenfalls ALLES.

  5. Safra sagt:

    Ich bin noch Anfängerin, Spätzünderin mit 48 und habe als erstes (vor ca. 3 Jahre) dominante Fantasien gehabt. Habe diese im Internet, im Chat “ausprobiert”.
    Aber indem ich mir zugestanden habe, mich mehr mit dem Thema zu beschäftigen, musste ich auch sehr bald feststellen, dass mindestens genau so starke Sehnsüchte in die submissive Richtung gingen. Die haben mir viel mehr Angst gemacht. Vor allem, da diese Fantasien nicht nur masochistisch, sondern auch ganz stark devot waren.
    Ich konnte mir erst überhaupt nicht vorstellen, wie das zu verbinden sein könnte.
    Habe dann über längere Zeit im Netz meine dominante Seite gelebt und mich ganz langsam auch getraut, tiefer in die andere Seite in mir reinzuschauen.
    Da gab es einige erschreckende Momente.
    Hab mich auch ganz eingehend informiert, viel gelesen, auch in Foren gefragt.
    In dieser Zeit wurde mir immer klarer: Ich kanns nicht mit derselben Person.
    Also Switchen an sich, in ein und derselben Beziehung geht überhaupt nicht.
    Dazu ist meine Devotheit zu tief drin.
    Und letztes Jahr bin ich nacheinander in einem Forum per Zufall erst auf meine sub und anschließend in ihrem besten Freund auf meinen Dom gestoßen.
    Und wir haben die ideale Form gefunden. Ich hab meine sub, für sie bin ich die Herrin. Und auf der anderen Seite bin ich sub meines Herrn. Noch sind es Fernbeziehungen, aber wir wollen immer weitergehen.
    Vielleicht noch einen männlichen sub für mich, dann ist die BDSM-Wohngemeinschaft komplett! *kicher*

  6. Clu Maria sagt:

    Hast du denn schon mal mit einem Menschen von Angesicht zu Angesicht BDSM erlebt?

  7. pusepampel sagt:

    Klasse!
    Endlich mal auf den Punkt gebracht.
    Danke
    Pusepampel

Kommentar schreiben

Mit dem Absenden deines Kommentars willigst du ein, dass der angegebene Name, deine E-Mail-Adresse und die IP-Adresse, die deinem Internetanschluss aktuell zugewiesen ist, von mir im Zusammenhang mit deinem Kommentar gespeichert wird. Die E-Mail-Adresse und die IP-Adresse werden nicht veröffentlicht oder weitergegeben.


Letzte Kommentare:

Dominanz erlernen? (5)

V.: Danke - du hast das wunderbar beschrieben. Und JA: Ich bin absolut deiner Meinung dass Dominanz erlernbar ist. Es...

Flexible SM-Möbel, die nicht auffallen (11)

Hannes: Hey Clu, auch wenn dieser Artikel schon etwas älter ist, wollte ich “Danke” fĂĽr die tollen...

Das erste Mal: Eine Begegnung mit der Peitsche (22)

Oda: Hallo Clu, danke für diesen wundervollen Text! Du hast damit genau meine Gefühle während einer Session sehr...

Auszeit von der Sklavenzentrale (10)

Clu: Meine Meinungen haben sich im Lauf der Jahre und Erfahrungen verändert - und über alle Varianten konnte und...

daira{M}: Hallo, ich selber empfinde die SZ nicht gerade als das berauschendste, aber leider gibt es nicht wirklich...

Clu: Zur SZ gibt es keine wirkliche Alternative. Aber “gleichgesinnte Menschen” kannst du auf...

Angelforyou: Hallo Clu, danke für diese prima Seite, die gerade mir als Sub-Anfängerin enorm weiterhilft, Klarheit...

Geistige Fesseln: vom Standardprogramm im Kopf (6)

daira{M}: Waaaaaaaaaaaaaaahnsinn, besser kann man es nicht beschreiben. DAAAAANKEEEEEEEEEE!!!!!!!!!! Liebe GrĂĽsse...

BDSM und das Thema NÄHE (8)

Clu: @Inge: magst du das erläutern? Ich bezweifle nicht, dass es für dich so ist, aber ob es auch für...

Die dunklen Seiten der Neigung (3)

Clu: Hi Joe, danke fĂĽr das tolle Lob, freut mich sehr! Dein Blog werde ich mir auch ansehen, klar!