Vom Yoga der dunklen Erotik: Alle Beiträge in diesem Blog handeln von einvernehmlichem SM: physische und psychische Praktiken, die zur beiderseitigen Lust im erotischen Kontext inszeniert und erlebt werden.

BDSM / Session-Kommunikation: Was sagt Sub?

Mai 14th, 2008 Clu Maria

Dies ist die Fortsetzung des Artikels “BDSM / Session-Kommunikation: Was reden in einer Session?”, der nach ein paar einführenden Überlegungen vor allem die Möglichkeiten “dominanter Ansprache” untersucht und mit Beispielen unterfüttert hat.

*Wie sieht es nun auf der Sub-Seite aus? Ist es für den (vermeintlich) “passiven” Part etwa angesagt, vor sich hin zu schweigen, nur auf Aufforderung zu sprechen, und sorgsam darauf bedacht zu sein, ja nichts Falsches zu sagen?

Anfänger machen das oft so, was aus der Unsicherheit auf dem neuen Erlebnisfeld auch recht verständlich ist. Sub fühlt sich erstmal nicht frei, zu tun und zu sagen, wonach sie sich gerade fühlt, sondern bemüht sich, “eine gute Sub” zu sein. Was das jeweils sein soll, wird jedoch oft genug nicht aus den Anweisungen des Gegenübers abgeleitet, sondern aus Vorstellungen, die irgendwo angelesen wurden: von der “Geschichte der O” bis hin zu den Foren der “Sklavenzentrale”.

Dabei ist die “Geschichte der O” das Werk einer nicht-mal-SMlerin, die mit extremen Fantasien einen ganz konkreten Mann an sich fesseln wollte - von “Realisierung” keine Spur! Und in den genannten Foren überwiegen bei weitem diejenigen, die darüber reden, wie sie sich SM VORSTELLEN, da ihnen reale Praxis noch weitgehend fehlt. Kopfkino-Inhalte hier wie dort! Fragt man aber Paare, die länger zusammen sind, schmunzeln sie in der Regel über die Zeit der “krampfhaft guten Sub”, die nicht mal lachen durfte, weil Dom sonst Angst bekam, nicht Ernst genommen zu werden.

Es hilft, sich klar zu machen, was die wesentlichen Aspekte der Sub-Seite sind:

1. Sub lässt sich führen und gibt eigene Macht ab

Der psychische Vorteil, das Heft des Handelns Top zu überlassen, liegt neben dem Kink der “Machtlosigkeit” vor allem darin, sich mal nicht um die Folgen des eigenen Tuns und SoSeins kümmern zu müssen. (Das stimmt natürlich immer nur in einem begrenzten Rahmen, dessen “Weite” jedes Paar selbst bestimmt, darum soll es hier aber mal nicht gehen.) Immer wieder ist ja von der Lust des Loslassens die Rede, wenn Subs von ihren dominanten Partnern schwärmen. Doch Sub kann nur dann wirklich “loslassen”, wenn sie es wagen darf, eben nicht mehr die Verantwortung für das psychische Befinden ihres Tops zu tragen; wenn sie also nicht mehr ins Grübeln kommt, wie dies oder jenes jetzt beim Gegenüber ankommen mag und ob es auch das “richtige Sub-Verhalten” ist.

Es ist die Aufgabe des Dominanten, Sub zu führen - solange Sub sich selber führt und gemäß dem eigenen Vorschriften-Katalog im Kopf agiert und reagiert, macht sie im Grunde das Top-Geschäft zur eigenen Sache. Und ein Top, der sich auf Klischee-haftes Verhalten verlässt, zeigt ein Führungsdefizit (aber alle fangen ja mal an und können besser werden!).

2. Sub muss vertrauen können - Top aber auch!

Je unsicherer Top ist, desto weniger kann Sub “loslassen”, denn sie kann nicht darauf VERTRAUEN, dass er damit schon umzugehen weiß. Mal ehrlich, was bleibt denn von der viel gerühmten Dominanz, wenn “Dom” durch Subs Verhalten allzu leicht zu verunsichern ist?

Etliche der Versatzstücke submissiven Verhaltens, die in einschlägiger Story-Literatur kolportiert werden - z.B. “Sub schlägt die Augen nieder und schaut Dom nicht unaufgefordert an” - sind genau besehen HILFEN für unsichere Anfänger-Doms: Es dominiert sich deutlich leichter, wenn man dem Gegenüber nicht in die Augen sehen und nicht mit unberechenbaren Reaktionen zurecht kommen muss. Kritischer Blick, Verwunderung, süffisantes Lächeln, ärgerliche Miene - all das sind Dinge, die “normalerweise” geeignet sind, einen Partner zu disziplinieren und zu verunsichern. Ein souveräner Top sollte das ertragen können! Klar kann er diese “mögliche Irritation” mittels eines entsprechenden Befehls mal für eine kurze Phase “ausschalten”, doch über Stunden würde es lächerlich und lebensfremd, wenn Dom nicht mal Subs Blick aushält. (Unverdächtiger kommt da die Augenbinde, da diese neben der Entlastung vom Blick auch viele sinnliche und Sub verunsichernde Aspekte hat!)

Je souveräner Top mit Subs authentischem (!) Verhalten umgehen kann, desto größer wird ihr Vertrauen und damit ihre Fähigkeit, sich in die Sub-Seite fallen zu lassen. Andersrum muss aber auch Top lernen, Sub zu vertrauen: dass es nämlich “danach” keine Vorwürfe gibt (sondern allenfalls solidarische Manöverkritik), und dass Sub auch echte Reaktionen zeigt und kein “Schauspiel” gibt, das nichts mit ihrer Wahrheit zu tun hat.

3. Sub darf emotional sein - Coolness ist nicht gefragt!

Hat Top es endlich geschafft, Sub soweit “aufzulockern”, dass sie sich traut, bzw. ihr nichts anderes übrig bleibt, als ihre wahren Gefühle und Empfindungen in Worten und Verhalten auch “raus zu lassen”, fangen die Freuden einer Session bzw. einer dominant-submissiven Interaktion überhaupt erst richtig an. Es ist das, was gemeint ist, wenn Subs davon sprechen, dass sie sich als Sub “befreit” fühlen, obwohl sie doch vom Dominanten geführt, gefordert und auch gepiesackt werden.

Es ist eine wundervolle Befreiung vom “Zwang zur Coolness”, der unseren gewöhnlichen Alltag weitgehend dominiert, wo gelebte Emotionalität eher nachteilig ist. Sub aber DARF emotional sein, darf lachen, heulen, wüten, toben, jammern, kichern, provozieren, wehleidig und anlehnungsbedürftig sein. Sub kehrt zurück zum SPONTANEN AUSDRUCK, zur REINEN RESONANZ - ohne sich besorgte Gedanken machen zu müssen, wie das jetzt womöglich bei Top ankommt: er wird es schon sagen, bzw. entsprechend reagieren. Führen, fordern, ansagen, kritisieren und (wenn’s zum Stil des Paars gehört) auch strafen ist Doms Seite der Medaille - und wenn jeder seins macht, wird es ein wundervoller “Tanz für zwei”.

Aus meiner Sicht gilt: Top ist deshalb Top bzw. Dom, weil er es Sub ermöglicht, sich auch emotional voll los zulassen. Er wird den Überblick bewahren, wird auf Sub acht geben, mit ihren Reaktionen auf seine “Zumutungen” spielen, und das Ganze auch ab und an an die Grenzen treiben - aber ganz gewiss nicht von Sub erwarten, dass sie sich “zusammen reißt” und ihre wahren Empfindungen verbirgt. (Schließlich dienen auch die SM-Praktiken, die mit Schmerzen spielen und so einen emotionalisierenden “Endorphin-Rausch” erzeugen, dem Loslassen alltagstypischer Rationalität und Coolness!)

Was also sagt Sub?

Aus dem Gesagten geht es schon hervor: Sub reagiert, wie es ihr gerade zumute ist! Mal ist sie in der Stimmung zum “freudigen Dienen”, mal fühlt sie Widerspruchsgeist und provoziert Top mit entsprechendem Verhalten, sei es mit Worten, Mimik oder Körpersprache bis hin zu offenem Widerstand (worauf Top ja zum Fesseln schreiten kann - und zwar mit Sinn und Grund, was viele Subs außerordentlich schätzen!). Die ganze Palette auftauchender Emotionen wird Sub im Zuge häufigerer Praxis immer mehr raus lassen können, was auch für das alltägliche Leben positive Nebeneffekte hat.

Für Sub braucht es also keine “Liste der Möglichkeiten”, wie man sie für die dominante Ansprache aufstellen kann, denn Subs “Begrenzung” ist im Rahmen der Session einzig Top, der das Heft des Handelns und Ansagens in der Hand hat (und damit auch die Last der Wahl, bzw. der Entscheidung, was jetzt geschehen soll, bzw. was für Sub gerade “richtig” ist).

Natürlich kann Top einer von vorne herein schon emotional und spontan reagierenden Sub auch aufgeben, sich jetzt mal still zu verhalten und dies oder jenes möglichst reaktionslos “nur hinzunehmen”. Das ist qualitativ etwas ganz Anderes, als wenn Sub versucht, von sich aus einer VORSTELLUNG zu entsprechen, zu der sie von Dom gar keine konkreten Anweisungen im realen Hier & Jetzt der Session bekommen hat. Es ist “Spiel mit gefordertem unnatürlichen Verhalten”, genau wie z.B. der Befehl, die Beine nicht zu schließen: für eine begrenzte Zeit spannend und bereichern, als “Dauerzustand” nichts als ein Zeichen, dass der Wille zum kreativen Miteinander im jeweiligen Augenblick nicht vorhanden ist und durch ein “Regelwerk” aus dem SM-Handbuch ersetzt werden soll.

Der gelingende Tanz für zwei

Es kann seine Zeit dauern, bis ein Paar es zustande bringt, sich tatsächlich so frei in die jeweilige Rolle fallen zu lassen bzw. zu begeben. Man muss sich “aufeinander einspielen”, was umso besser gelingt, wenn außerhalb der Dom-Sub-Situationen freimütig und ohne jede Scheu über das eigene Erleben gesprochen werden kann. Dann nämlich kann man gemeinsam wachsen, aus den gemachten Erfahrungen lernen und immer besser, spontaner und vielfältiger als Dom und Sub miteinander umgehen.

Woher soll denn auch sonst das VERTRAUEN kommen, das dafür erforderlich ist? Wer den Austausch über das je eigene Erleben verweigert, will sein Gegenüber als bloßen Schauspieler in der Inszenierung des eigenen Kopfkinos. In “Spielbeziehungen” kann das eine Zeit lang genügen, wer MEHR will, muss auch MEHR (von sich) geben!

*

11 Antworten zu “BDSM / Session-Kommunikation: Was sagt Sub?”

  1. naga sagt:

    das ist wirklich gerade für mich hilfreich… denn genau darüber hatte ich gestern ein Gespräch. Schade das ich Deinen Artikel da noch nicht gelesen hatte…
    Danke
    NK

  2. Carrie sagt:

    Sehr guter Artikel! Spricht mir aus der Seele. Vielen Dank. Hat mich darin bestärkt, einen kommunikationsfähigen Mann zu suchen, so selten die auch sein mögen…egal, wie sehr man jemanden liebt, ohne Worte funktioniert das auf Dauer nicht.

  3. Claudia sagt:

    Auch ich habe keinerlei Erfahrungen und stehe kurz vor meiner ersten Session. das hat mir außerordentlich weitergeholfen, ist aus der Realität für die Realität. Danke.

  4. Sabine sagt:

    Der Artikel entspricht so ganz dem, was ich selbst für mich als richtig empfinde und doch ist er dennoch eine Antwort auf Fragen in mir, einfach weil ich eigenes Empfinden einmal Schwarz auf Weiß lesen konnte. Ich habe wenig Erfahrung, aber gerade die Kommunikation wurde ganz unterschiedlich eingefordert und ich habe gemerkt, wie sehr es am Dom lag, an der Art wie er fragte und Antwort forderte, wie lächerlich ich mich in diesem Moment fühlte und wie schwer es mir viel Antwort zu geben. Danke, jetzt zweifle ich hierin wenigstens nicht Mehr an mir.

  5. Clu sagt:

    Ich danke Euch für Eure Resonanz! Freut mich sehr, wenn meine Texte jemandem nützlich sind.

  6. Ingo sagt:

    Ein sehr guter Beitrag.

  7. Luscinia sagt:

    Danke für Deinen wundervollen Artikel. Ich schätze mich selber quasi als erfahrene Anfänger-FemDom ein und muss noch weiter an meiner Kommunkation feilen. Deine Zeilen bestärken mich immerhin darin, dass ich dabei auf dem richtigen Weg bin und lassen mich einiges klarer sehen, was mir bisher nicht völlig bewusst war.

  8. der dreister sagt:

    Ja clu, wieder mal ein sehr lehrreicher artikel
    Es ist ein langer weg bis das alles so klappt.
    Lg der Dreister

  9. Ly sagt:

    Liebe Clu,

    ich bin über die SZ (ja, die typischen Foren, die du auch schon angemerkt hattest) auf diesen Blog gestoßen und fand ihn großartig. Du hast schön zusammengefasst, was (natürlich) keine allgemeine Wahrheit ist, aber vor allem Menschen die gerade erst mit dem SM beginnen Eckpunkte gibt, so dass man sich orientieren und für sich selber ausprobieren kann, welche Kommunikation in welchem Maß gewünscht ist. Für mich sehr empfehlenswert.

    Liebe Grüße

  10. Eva sagt:

    Liebe Clu,
    habe gerade deine verschiedenen Beiträge mit höchstem Interesse durchgelesen. Mein Liebster und ich tasten uns seit einiger Zeit vorsichtig in die SM-Richtung vor und finden es beide unbeschreiblich lust- und liebevoll.

    In manchen Situationen sind wir aber beide noch unsicher: Soll ich meiner Sehnsucht nach mehr Schmerz folgen? Was sind geeignete Instrumente dafür? Wie weit darf/ soll es gehen? Was kommt hinter dem Schmerz? Wie kann er das aushalten, was er mir ´zufügt´? …

    Deine Artikel treffen da genau ins Schwarze. Es ist natürlich klar, dass die individuellen Antworten bei den jeweils Handelnden liegen. Aber deine Artikel helfen mir, meine Fragen und meine Wünsche besser zu formulieren. Vielen Dank für deine guten und sachlichen Beiträge zu diesem immer noch heiklen und längst nicht selbstverständlichen Thema!

    Ich freue mich schon drauf, mit meinem Geliebten darüber zu sprechen - besonders, weil unseren Gesprächen gewöhnlich dann auch bald Taten folgen … ;-)

    LG, Eva

  11. Clu sagt:

    Hi Eva, herzlichen Dank! Es freut mich, dass du mit meinen Texten was anfangen kannst!

    Hier mal ein paar individuelle (!) Antworten auf deine Fragen - ganz ohne Anspruch auf Allgemeingültigkeit!

    “Soll ich meiner Sehnsucht nach mehr Schmerz folgen?”

    Warum nicht? Nur im “folgen” finde ich heraus, was ich eigentlich suche - und das gilt nicht nur für SM-Sehnsüchte. Allerdings: für mich war es immer klar, dass nachhaltige Verletzungen nicht in Betracht kommen - egal, was mein Kopfkino dazu sagen mag! Diesen Respekt vor dem eigenen Körper hab ich über Yoga gewonnen und kann gar nicht mehr davon weg.

    “Was sind geeignete Instrumente dafür?”

    Unzählige… :-) Aber wenn man mal an die Standard-Praxis “Hauen” denkt, empfehle ich die Kennenlern-&Anwendungs-Reihenfolge ->Hände, mittelsofter Flogger, SM-Gerte, dann fast gleichwertig, aber mit je eigenem Chrakter: Rohrstock, kurze SingleTail, Reitgerte, Dreischwänzige und ähnliches…

    “Wie weit darf/ soll es gehen?”

    Das kann man nicht vorab und aus dem Kopf wissen. Für den Anfang ist ein Stoppwort hilfreich. Auch, wenn man es dann nie benützt… Den Kern der Frage trift das aber nicht, da bist du dann selbst am “erlebenden Beforschen” deiner Sehnsüchte und ihrer Folgen. Ich fand es nützlich, mir halbwegs klar zu machen, was ich erleben will, bzw. was ich an “negativen Gefühlen” hinzunehmen bereit bin, um diese Sehnsüchte in der Umsetzung zu erforschen! Und DAS dann auch dem Partner zu kommunizieren.

    Wenn ich ihm sage: es ist ok, wenn du mich wütend machst, mich evtl. sogar zum Weinen bringst - dann kann er viel besser mit solchen Reaktionen umgehen, als wenn wir nie darüber gesprochen hätten.

    “Was kommt hinter dem Schmerz?”

    Aus meiner Erfahrung: nichts “ganz anderes”, es hebt sich lediglich die Schmerzschwelle: was eben noch fast unerträglich war, ist jetzt wie Massage… und die Psyche ist berauscht von Adrenalin/Endorphin: man fühlt sich stark, vielleicht sogar übermütig/lustig - oder driftet mehr meditativ nach innen ab… (je nach Session-Regie..). Manche fahren auf diesen Zustand so ab, dass sie “gerne mehr davon” wünschen und kein Bewusstsein mehr für physische Grenzen haben. Dann muss der Top vernünftig sein und selbst die Grenze setzen!

    “Wie kann er das aushalten, was er mir ´zufügt´? …”

    Indem du mit ihm drüber redest - also (natürlich im Abstand zum Geschehen!) alles teilst, was du in dieser Hinsicht schon über dich selber weißt, aber auch alles, was du dich fragst, wonachdu dich sehnst und was du gerne ausexperimentieren würdest… und vor was du Angst hast. Alles eben..

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