Vom Yoga der dunklen Erotik: Alle Beiträge in diesem Blog handeln von einvernehmlichem SM: physische und psychische Praktiken, die zur beiderseitigen Lust im erotischen Kontext inszeniert und erlebt werden.

SM-Geschichten schreiben

Januar 27th, 2006 Clu Maria

Es war ein recht spontaner Akt, die Story „Die Hütte im Schnee“ hier zu veröffentlichen. Ich hatte in einer Community einen Text kritisiert und bekam als Antwort, dass man von MIR ja noch keine Story gelesen hätte. Tja, klarer Fall von Eitelkeit! Zeigen, dass ich es auch kann… ach je! Selbst im vorgerückten Alter bin ich offensichtlich dagegen nicht immun. :-)

Absichtlich zeichne ich diese Story mit der Jahreszahl ihres Entstehens:
Heute könnte ich so etwas nicht mehr schreiben, denn die Gefühlswelt, in der ich damals mehr schwebte als lebte, liegt mittlerweile hinter mir. Ich steckte in einer heftigen Liebesbeziehung, hatte meinen (räumlich meist fernen) Liebsten zu seiner Dominanz verführt und ihm meine submissive Seite, meine „Lust auf Unterwerfung“ gezeigt – und ER hatte das Geschenk angenommen. Ich durfte mich als sein „Besitz“ fühlen, ich diente seiner Lust, wie er es noch nie von einer Frau erlebt hatte. Wow, was für eine grundstürzende, jegliches feministisch inspirierte Tabu brechende Erfahrung! Es war eine wundervolle, extrem abenteuerliche und an Erkenntnissen reiche Zeit, für die ich immer noch sehr dankbar bin. Hätte ich die Radikalität dieses Fühlens und “Ernst machen wollens” nicht selbst erlebt, würde ich heute noch breite Kreise der BDSM-Community einfach für krass abgefahren halten - doch das ist eine andere Geschichte. Immerhin sind in meiner Wolke-7-Phase ein paar eindrückliche Texte entstanden, in die ich mein Verlangen, meine Träume und Fantasien fließen ließ, weil es mir oft an praktischem Erleben mangelte.

Schreiben heilt

Beim leidenschaftlichen Schreiben hab’ ich schnell gemerkt: das intensive Kreisen um ganz spezifische Schlüsselszenen (z.B. ausgeliefert sein, jemandem zu Willen sein, der bestimmt, was passiert, das auch noch geil finden…) bleibt nicht folgenlos für die Psyche. Indem ich schreibe, konfrontiere ich mich mit dem irrationalen Anteil meiner selbst, leuchte hinein in die dunkelsten Abgründe, spüre den seltsamen Lüsten nach, die mich umtreiben – bin gleichzeitig Kaninchen und Schlange, Alice im Wunderland, Inanna in der Unterwelt, ausgezogen um im tiefsten Schlamm und Schmodder entlegener Seelenecken Gold zu finden. SEHEN, was das alles bedeutet – aber ohne es zu „ergrübeln“, sondern durch Hingabe an das, was sich schreiben will. Es hinschreiben, auch wenn es noch so verstörend ist, es ganz genau ansehen, ihm nachspüren, wohin es treibt. Dabei wächst die Erkenntnis, dass es sich bei den je eigenen „Wunschszenarien“ nicht um Szenen handelt, die zu einem „Ergebnis“, zu einer Lösung oder Befriedigung führen (bzw. führen sollten oder könnten), sondern dass es die Funktion solchen Träumens und Erlebens ist, die Psyche in Harmonie zurück zu schütteln.

Deshalb nenne ich BDSM-Szenarien heute gerne “Mysteriendramen”: es handelt sich – egal ob fantasiert oder real erlebt - nicht um “echtes Geschehen”: es sind vielmehr symbolisch-schamanische Akte, zelebriert, um Wirkungen im innerseelischen Raum zu erzielen; gesteuert von der (üblicherweise unbewusst bleibenden) höheren Weisheit des “ganzen Selbst”, das MEHR als die rational-logische Vordergrundpersönlichkeit des Alltags ist.

Manches davon dringt ins Bewusstsein, wenn man sich schreibend sehr intensiv in die jeweils „kickenden“ Wunscherlebnisse versenkt: anders als in einem frei schweifenden Kopfkino zu auto-erotischen Zwecken ist man im Text bemüht, den Dingen klare Gestalt zu geben, sie genau zu beschreiben - und eine gute Geschichte beschreibt SOWOHL das Außen als auch das Innenleben der Personen.

Das bedeutet in der Praxis: Die laufende Kopfkino-Szene “anhalten” und sich in sie versenken. Alles genau ansehen, was zur Szene gehört, genau nachspüren: wie fühlt es sich an? Was genau löst es aus? Worin findet es Erfüllung? Kann ich es durch irgend ein Detail verschärfen? Diese Haltung urteilt und verurteilt nicht, wälzt keine Bedenken, argumentiert nicht, sondern stellt den brisanten Inhalten eine Bühne zur Verfügung, auf der sie sich in voller Pracht entfalten und zeigen können.

Das “Abgründige” am SM konne ich so schreibend bis in die Tiefen hinein ausgekosten, bzw. das in mir, was an meinen Motiven und Strebungen “abgründig” erschien, hab ich ausgemessen und genau angesehen - und DADURCH hat es sich (=mich!) tatsächlich verändert. Ich hab’ den Geist aus der Flasche gelassen, er durfte sich in voller Größe zeigen, wie es im „realen Leben“ kaum möglich ist. Dort passiert ja ständig Neues, das meine Aufmerksamkeit abzieht von dem, was mich untergründig motiviert, wogegen ich in einer geschriebenen Fantasie „die Welt anhalten“ kann.

In der intensiven (jedoch weiter beobachtenden) Versenkung in das, was „kickt“, zeigt sich früher oder später alles, was damit zusammen hängt: Assoziationen, Erinnerungen, Aha-Erlebnisse, aufwühlende Träume – am Ende ist man sich selbst ein offenes Buch. Ein Buch, dessen dunkel-brisante Kapitel ich nun kenne, was die Situation drastisch verändert: Ich bin nicht mehr dabei, dem Ende entgegen zu fiebern, gespannt, wer denn nun der Mörder ist.

Das, was mich verstörte, was mir als „abgründig“ und schwer integrierbar erschien, treibt mich nun nicht mehr, sondern ich kann damit spielen. Anderes, mit dem zu spielen mir schwer fiele, ist aus dem Wunschraum restlos verschwunden: von manchem dunklen Verlangen bin ich tatsächlich geheilt (z.B. von „NonCon-Fantasien“). Daran zu denken, kickt nicht mehr – und das ist nicht etwa ein Verlust. Denn es ist wenig befriedigend, Erlebnisweisen nachzujagen, die im Grunde „nicht von dieser Welt“ sind und die keine denkbare Erlösung in sich tragen. Mal als Beispiel die Fantasie, etwas Ekliges von einem Tellerchen am Boden auflecken zu müssen: will man das immer wieder machen? Will man seine Partner dafür missbrauchen, wieder und wieder in rituellen Handlungen die Verknotungen und manchmal juckenden Vernarbungen der eigenen Psyche zu „bedienen“? Ist es nicht eine Last, den Anderen durch ein Suchraster anzusehen: Kann ich mit ihm Kopfkino-Szene 1 bis 22 umsetzen?

Ich liebe es, etwas tun zu können, wenn es mich danach gelüstet. Davon getrieben zu sein ist jedoch keine Lust, sondern ein Leiden. Ein Leiden, von dem man sich bewusst erlebend, träumend, fantasierend und darüber schreibend heilen kann – auch wenn man das gar nicht vorhatte.

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